Nachgefragt! Ehrenamtliches Engagement in der Kirche

Ehrenamt © contrastwerkstatt, Fotolia.com

Sie leiten Gruppen, bereiten Gottesdienste vor, organisieren Bildungsveranstaltungen, besuchen Patienten in Krankenhäusern und Altenheimen, arbeiten als Kirchengemeinderäte: Ungefähr 150.000 Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Nadja Golitschek hat mit Gemeindeberater Hans-Martin Härter und der Leiterin des Projekts „Ehrenamt fördern mit System“, Brunhilde Clauß, beide im Evangelischen Bildungszentrum Birkach tätig, über Bedeutung und Zukunft des Ehrenamts gesprochen.


bildungsportal-kirche.de: Man hört immer wieder, dass es zu wenige ehrenamtliche Mitarbeiter gibt. Wie sieht es in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg aus?

Hans-Martin Härter: Auch wenn viel geklagt wird – in der Kirche haben wir eine leicht steigende Tendenz. Derzeit gibt es in der Landeskirche ca. 150.000 Ehrenamtliche. Hier gilt es genauer zu schauen: In welchen Bereichen steigt das ehrenamtliche Engagement an, wo geht es zurück? Das ist sehr aufschlussreich, weil das häufig mit guten Rahmenbedingungen zusammenhängt. Beispielsweise haben die Vesperkirchen, Jugendchöre und Hospizinitiativen einen großen Zulauf. Eher rückläufig ist das Interesse in leitenden Gremien mitzuarbeiten oder regelmäßige Gruppenangebote zu organisieren.


bildungsportal-kirche.de: Woran liegt es, dass einige Bereiche für Ehrenamtliche attraktiver sind als andere?

Brunhilde Clauß: Die Menschen möchten heute klar beschriebene Aufgaben, überschaubare und begrenzte Projekte, mitbestimmen und mitgestalten. Als Kirche muss man hier einen Spagat schaffen: Ehrenamtliche sollen sich in bestehenden Strukturen gut aufgehoben fühlen und gleichzeitig auch Eigenes einbringen können. Auf lange Sicht wollen wir auch jüngere Menschen und andere Milieus ansprechen. Das setzt voraus, dass man die Situation der Menschen kennt und sich auf sie einstellt.

Härter: Dazu kommt, dass es eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, sich zu engagieren. Und das muss nicht unbedingt in der Kirche sein. Als Anbieter von ehrenamtlichen Tätigkeiten muss man überlegen, wie man in diesem „Wettbewerb“ besteht und attraktive Bedingungen bieten. Wenn Kirche neue Felder erschließen und innovativ bleiben will, muss sie auf die Ehrenamtlichen hören. Und Initiativen und Ideen in bestehende Strukturen mitaufnehmen. Gleichzeitig sollten bestehende Strukturen und bisher bewährte Arbeitsformen auch weiterentwickelt werden können.


bildungsportal-kirche.de: Dass sich mehr Menschen engagieren, ist eine schöne Entwicklung. Worin liegt die Ursache dafür?

Clauß: Im Ehrenamt kann man neue Dinge ausprobieren, wozu man im Beruf oder im Alltag vielleicht keine Gelegenheit hat. Es geht auch darum, Gemeinschaft zu erleben und Kompetenzen zu erwerben. Gesellschaftspolitisch können Akzente gesetzt werden. beispielsweise in der Flüchtlingsarbeit. Der eigene Glaube wird sichtbar und real. Dabei geht es vielen Menschen um Mitmenschlichkeit aber auch um Teilhabe und soziale Gerechtigkeit.

Härter: Vielen geht es auch um die spirituelle Erfahrung. Und zu erleben, was es heißt, seinen Glauben im Alltag zu leben. 


bildungsportal-kirche.de: In welchen Bereichen arbeiten Ehrenamtliche?

Härter: Sie finden in der Kirche kein Arbeitsfeld, in dem nicht auch Ehrenamtliche aktiv sind. Sie finden Ehrenamtliche in leitenden Funktionen, wie Kirchengemeinderäte, Synodale, im Bereich Gottesdienst wie Prädikanten, und Posaunenchorleiter, im Bereich der Diakonie und Jugendarbeit, um nur ein paar zu nennen.

Clauß: In den meisten kirchlichen Arbeitsfeldern arbeiten Haupt- und Ehrenamtliche neben- und miteinander, beispielsweise in der Seniorenarbeit, in Besuchsdiensten oder in der Gottesdienstgestaltung. Dadurch werden auch neue Ideen entwickelt.


bildungsportal-kirche.de: Wenn sich Ehrenamtliche in allen Arbeitsbereichen der Kirche einbringen und sogar neue Tätigkeitsfelder erschließen, lässt das auf eine lange Tradition des Ehrenamts in der Kirche schließen.

Härter: Das Ehrenamt in der Kirche ist in der Tat schon sehr alt. Vom Begriff des „Ehrenamts“ spricht man aber erst seit ca. 150 Jahren. Das hängt mit v.a. mit allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen Insbesondere im diakonischen und kulturellen Bereich konnten sich Menschen seit dieser Zeit ehrenamtlich betätigen und ihrer eigenen Berufung folgen. Durch die Initiative Ehrenamtlicher sind immer wieder neue Arbeitsfelder entstanden, beispielsweise in den letzten Jahrzehnten im diakonischen Bereich, in der Hospizbewegung, in den Vesperkirchen oder auch in der Bildungsarbeit und im Kulturbereich

Clauß: Die Kirche ist von ihrem Selbstverständnis her angewiesen, auf die Bereitschaft zum Ehrenamt, Kompetenz und innere Motivation ihrer Ehrenamtlichen. Das Thema Berufung spielt dabei aber auch eine Rolle. Menschen entdecken ihre Gaben und bringen sie über das Ehrenamt in der Kirche ein. Da liegt sicherlich ein Unterschied im Vergleich zum allgemeingesellschaftlichen Ehrenamt. Neue Arbeitsfelder und Ideen gingen und gehen stark von Ehrenamtlichen aus, die dies als ihre Aufgabe sehen. Es muss aber noch mehr ins Bewusstsein rücken, dass eigene Gestaltungsimpulse möglich sein sollten. Das hat etwas mit der Haltung gegenüber Ehrenamtlichen zu tun.


bildungsportal-kirche.de: Vielen Dank für das Gespräch!

 

 
 
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