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Magnifizenz, sehr geehrter Herr Prorektor, liebe Studierende, lieber Herr Prof. Herms, meine Damen und Herren!
Der Herr Landesbischof und das Kollegium des Ev. Oberkirchenrats gratulieren Ihnen herzlich zu Ihrem 65. Geburtstag. Ich habe den Auftrag und die Ehre, Ihnen diese Grüße zu überbringen. Wir freuen uns mit Ihnen, das Sie diesen Geburtstag feiern können und wünschen Ihnen für Ihr neues Lebensjahr eine gesegnete Zeit.
Mit dieser Freude verbinde ich den Dank für viele Jahre guter und fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen der Kirchenleitung in Stuttgart und Ihnen, besonders während der Zeit Ihres Dekanats. Für mich wurde dabei immer wieder deutlich, dass die Aufgabe eines Ev. Oberkirchenrats und der einer Ev. Fakultät letztlich nur die Aufgabe einer gemeinsamen Kirchenleitung sein kann. Nach meiner Wahrnehmung ist das Bewusstsein dafür auf beiden Seiten deutlich gewachsen und hat in entsprechenden Konsultationen, Absprachen und Vereinbarungen auch konkrete Gestalt angenommen. Ich denke da z.B. an unsere Verständigung in Fragen der notwendigen Ausstattung der Tübinger Fakultät im Gegenüber zu den staatlichen Institutionen, an das gemeinsame Vorgehen in Sachen Bologna-Prozess für eine dem Anspruch des Pfarrberufs angemessene und deswegen unabdingbare Ausbildungsstruktur und an die Vereinbarung zwischen Fakultät und Landeskirche über Grundsätze für die erste und zweite Ausbildungsphase.
Mit der Ihnen eigenen Energie, aber auch mit der Bereitschaft, weiter führende Vorschläge aufzunehmen und sich zu eigen zu machen, haben Sie sich für die Ausgestaltung dieser gemeinsamem kirchenleitenden Verantwortung eingesetzt.
Dafür möchte ich Ihnen an dieser Stelle ausdrücklich danken. Wir sind hier in Württemberg sehr froh und auch ein bisschen stolz über diesen selbstverständlichen, regelmäßigen und auch vertrauensvollen Austausch zwischen der Landeskirche und der Ev. Fakultät.
Wir wissen, was wir voneinander haben. Und wir wissen, dass Kirchenleitung und Theologie nur in der Überzeugung, aufeinander angewiesen zu sein und aufeinander angewiesen zu bleiben, bei der Sache, d.h. bei ihrem Auftrag sind.
Das Wort „Einheit“ und „Gemeinschaft“ ist in ihren Veröffentlichungen ein des öfteren wiederkehrender Begriff, Einheit und Gemeinschaft freilich in der Differenz der jeweils gegebenen Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten. Sie wurden und werden nicht müde, diese Einsicht ihren Mitchristen immer wieder einzuschärfen, dass nämlich eine Gemeinschaft, nicht zuletzt eine kirchliche Gemeinschaft Schaden nimmt, wenn nicht die Zuständigkeiten genau geregelt und dann auch eingehalten werden.
Ich weiß, dass Ihnen als altem Oldenburger manchmal die schwäbische Art Mühe bereitet, wo es oft schwer ist, zu einem Entschluss zu kommen, weil auf eine Behauptung schnell das „Ja aber..“ folgt, auf eine Erkenntnis die Erkenntnis der Kehrseite so isch´s no au wieder.
Obwohl dieses sozusagen „dialektische“ Offenhalten von Handlungsalternativen - bis zuletzt, also bis es fast nicht mehr geht - in bestimmten Situationen durchaus nützlich sein kann. Der Vorteil liegt v.a. daran, dass man in Schwaben es in der Regel vermeidet, sich auch nur vorzustellen, es gebe da eine Wand, durch die man partout mit dem Kopf hindurchmüsse. Selbst wenn es sie geben sollte, - und es gibt hier zu Lande von solchen „Wänden“ wahrlich genug - denkt man sie sich eher – dialektisch eben - weg, was wirklich anstrengend ist – oder geht darum herum.
Dies erklärt auch, warum der Schwabe Hölderlin von dieser zwar allen Deutschen eigenen „Gedankenschwere“ spricht, die aber offenbar in diesen Gauen besonders ausgeprägt zu sein scheint.
Ob Sie sich, lieber Herr Herms, über diese schwäbische „Ethik“ auch theologisch schon Gedanken gemacht haben? Ob darüber nachzusinnen, nicht ein lohnendes Projekt für das Institut für christliche Gesellschaftslehre sein könnte? Nur so ein Gedanke, lieber Herr Herms!
Mich hat jedenfalls Ihre alltagsethische Empfehlung beeindruckt, bei bestimmten Anlässen, v.a dort wo nun mal entschieden werden müsse, die Fettnäpfe gleich mit zu bringen, in die man dann gewollt oder ungewollt tritt.
Für mich, vielleicht nicht nur für mich, lieber Herr Herms, ist dies- oder wäre dies – ein Akt protestantischer Souveränität – ein Gegenstück zu jener im Protestantismus eher häufiger anzutreffenden Vermeidungsstrategie, der schon im Vorhinein alles - weil mit zu vielen Fettnäpfen rechnend - peinlich zu werden droht und die deswegen – mit Hölderlin: „tatenarm, aber gedankenschwer“ - erst gar nicht zum Handeln kommt.
Dagegen: Entscheiden bzw. entscheiden können – das ist nun eine Form Hermsscher Existenz oder soll ich besser sagen: Hermsscher „Daseinsgewisshei“t? Kein Zufall also, dass der Begriff „Entscheidung“ ein von Ihnen verfasster Artikel in der TRE ist.
Und was die „Souveränität“ betrifft - so findet sie sich - bei gleicher Verfasserschaft - in der RGG, 4. Auflage, wieder.
Übrigens in unmittelbarer alphabetischer Nachbarschaft zu den ebenfalls von Ihnen stammenden und viel sagenden Artikeln zu „Selbstbehauptung“ und „Selbstbeherrschung“- wobei der Artikel zu „servum arbitrium“- der unfreie Wille - unbedingt dazu gehört – und – keine Frage, die theologische und existentielle Voraussetzung all Ihrer Entscheidungsfreudigkeit ist.
Ich danke Ihnen ganz herzlich für all das, was Ihre aus der Gewissheit Ihres Glaubens erwachsenen Entscheidungen und Unternehmungen im Bereich theologischer Forschung und Lehre Studierenden an Einsichten, an Entscheidungshilfe gebracht haben, den Studierenden im Studium und den ebenfalls Theologie Studierenden im Pfarramt und nicht zuletzt auch in der Kirchenleitung.
„Erfahrbare Kirche“ und „Gesellschaft gestalten“ – auf den durch diese Titel bezeichneten Gebieten bewegt sich Ihre Theologie und bewegen Sie sich als Theologe.
„Hinwendung zu Themen und Herausforderungen der Erfahrungswirklichkeit im Horizont christlichen Wirklichkeitsverständnisses und seiner Kategorien“ - so haben sie es genannt. Dichter kann man es kaum formulieren. Ihr theologisches und kirchenpolitisches Engagement führt Sie dabei immer wieder über die Grenzen Württembergs hinaus – zu Gruppen in der Gesellschaft, in die Weite der EKD und die weltweite Kirche.
Was darf ich Ihnen zum Schluss wünschen? Ich will es mit Titeln Ihrer Veröffentlichungen der letzten Jahre tun.
Ich wünsche Ihnen zuallererst „Entspannte Wahrnehmung“, dass Sie dem „Diktat der Zeit“ und dem „Kreuz im Alltag“ immer wieder entrinnen und stattdessen das „Spielen als Lob der Zuverlässigkeit Gottes und des Menschen“ erleben , ich wünsche Ihnen die Erfahrung von „Fairness und Menschenverständnis“ und überhaupt, dass Sie das an sich selbst und mit anderen zusammen erfahren, in Ihrer Familie, zusammen mit den Studierenden und den Kollegen was das ist: „Menschsein im Werden“. Oder noch einmal anders – auch wieder mit Ihren eigenen Worten: Ich wünsche Ihnen: „erlebnismäßig erschlossene Lebensgegenwart.“
Sie feiern heute Ihren 65. Geburtstag. Vielleicht kennen Sie Mahalaleel (Ihre Kollegen vom Department AT kennen ihn bestimmt). „Mahalaleel“ – so steht es in Genesis 5, 15 – „war aber 65 Jahre alt.. - und lebte danach 895 Jahre.“ Das ist doch eine Perspektive.
Als kleiner Beitrag dazu, soll ich sagen, als kleine Lebenshilfe für diese kommenden Jahre: dieser Wein der Landeskirche….
Seien Sie Gott befohlen!
OKR Hans-Dieter Wille / Evang. Oberkirchenrat